Jeder ist eine Blüte!

 

In einem Garten standen viele Blumen. Sie blühten in den herrlichsten Farben. Eine unter ihnen meinte, dass sie eine ganz besondere Blume sei. Im Frühjahr nahm sie sich vor, mit dem Blühen noch zu warten. Denn es könnte ja sein, dass ein Spätfrost ihre Blüte zerstören würde. Sie blieb lieber noch eine Weile in ihrer Knospe, denn das war einfach vernünftiger.

Später dann, im Mai und Juni erblühten die meisten Blumen. Sie zeigten sich in ihren schönsten Farben und verströmten die betörendsten Düfte. Noch immer hielt sie es für zu gefährlich, ihre Knospe zu verlassen und sich in all ihrer Pracht zu zeigen. Es könnte ja schließlich regnen und wie würde sie dann aussehen? Nein, sie wollte noch warten, bis sie sich ganz sicher war.

Ganz schlimm fand sie die Vorstellung, von einem Menschen gepflückt und in eine Vase gestellt zu werden. Als Knospe könnte ihr das nicht passieren. Heimlich bewunderte sie allerdings die anderen Blumen. Wie sie im Wind wiegten, sich in der Sonne räkelten, ihre herrlichen Farben zur Schau trugen und mit ihrem Duft verzauberten. Die anderen waren im Gegensatz zu ihr so unglaublich lebendig. Sie fühlte den Wunsch mitblühen zu wollen, aber sie war sich einfach zu unsicher. Wer weiß, vielleicht wäre sie gar nicht so schön, wie die anderen oder würde nicht so gut durften. Am Ende würde sie noch ausgelacht. Nein, da bliebe sie lieber noch in ihrer Knospe.

Aber sie fühlte oft die Einsamkeit und Enge in ihrem Blumenherzen und kam sich vom Leben ausgeschlossen vor. Jedoch tröstete sie sich, wenn anderen Blumen einmal über Nacht etwas zugestoßen war. Denn so etwas würde ihr nicht passieren. Doch die Sehnsucht, sich einfach dem Leben hinzugeben, die Sonne mit den  Blütenblättern aufzufangen oder den kühlen Regen zu genießen, drängte sie immer wieder. Bald war es August und immer schwerer wurde ihr die Entscheidung. Angst und Neugier - Sicherheit und Lebenslust kämpften in ihrer Seele miteinander, ohne, dass eine Seite die Oberhand gewann. Sie befürchtete mittlerweile schon fast zu alt zum Blühen zu sein, aber sie beschloss weiterhin zu warten.

Doch in ihrem Bedürfnis nach Sicherheit wurde sie immer unsicherer. Sie war ihr Leben lang eine Knospe gewesen und hatte schließlich keinerlei Erfahrung im Blühen. Die Ahnung, wie unglaublich schön das Blühen sein musste wuchs trotz allem immer mächtiger in ihr heran. Der September brach an und mit ihm kamen neue Gefahren. Sie könnte nun einer besonders kalten Nacht zum Opfer fallen. Doch im Grunde fühlte sie sich in ihrer alten harten Knospenschale schon fast erfroren. Was gab es noch zu verlieren?

Und so kam es, dass sie an einem besonders milden Septembermorgen doch noch ihre Hüllen fallen ließ. Das Gefühl, den Mut aufgebracht zu haben, sich in ihrer ganzen Farbenpracht zu zeigen und ihren wundervollen Duft verströmen zu können, machte sie einfach nur glücklich. Sie wurde schließlich noch zu einer fantastischen Blüte, die viel bewundert wurde. Sie wusste nun, das Blühen nichts mit Können zu tun hat, sondern mit Sein.

"Jeder ist eine Blüte" von Kristiane Allert-Wybranietz

(nacherzählt von Ralf Hillmann) 

 


Als ich mich selbst zu Lieben begann...

 

habe ich verstanden ,dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist - von da an konnte ich ruhig sein.

Heute weiß ich, das nennt man SELBST-BEWUSST-SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.

Heute weiß ich, das nennt man AUTHENTISCH-SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, wie sehr es jemanden beleideigen kann, wenn ich versuche, diesem Menschen meine Wünsche aufzudrücken, obwohl ich wusste, dass die Zeit nicht reif war und der Mensch nicht bereit, und auch wenn ich selbst dieser Mensch war.

Heute weiß ich, das nennt man RESPEKT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Einladung zum Wachsen war.

Heute weiß ich, das nennt man REIFE.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben, und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen. Heute mache ich nur das, was mir Freude und Glück bringt, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem eigenen Rhythmus.

Heute weiß ich, das nennt man EINFACHHEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das "Gesunden Egoismus", aber...

Heute weiß, das ist SELBSTLIEBE.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, immer Recht haben zu wollen, so habe ich mich weniger geirrt. Heute habe ich erkannt, das nennt man BESCHEIDENHEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um meine Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo Alles stattfindet. So lebe ich heute jeden Tag, Tag für Tag, und nenne es BEWUSSTHEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken behindert und krank machen kann. Als ich mich jedoch mit meinem Herzen verband, bekam der Verstand einen wertvollen Verbündeten. Diese Verbindung nenne ich heute HERZENSWEISHEIT.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN.

 

(Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag am 16. April 1959)

 

 


Ziege oder Tiger?

 

Ein hungriges Tigerweibchen, das trächtig war, stürzte sich auf eine Horde Ziegen; dabei trieb die Gewalt des Ansprungs ihm die Frucht aus dem Leibe. Aber die Tigerin konnte ihren Wurf nicht nähren, sie starb alsbald an Entkräftigung. Das Neugeborene schien verloren, aber die Ziegen, die nach dem Schrecken auf ihre Weide zurückkehrten, nahmen sich seiner an, und zogen es mit ihrer Milch auf. Es wurde unter den Zicklein groß und lernte ihre Sprünge, es lernte Gras und Kräuter fressen und meckern wie sie.

Es war schon groß geworden, da brach einmal ein starker Tiger in die Herde; sie stob auseinander, indem er eine von ihnen zerriss, nur das Tigerjunge blieb verdutzt und furchtlos zurück. Der große Tiger verwunderte sich über den Kleinen, wie er blöde und verlegen einen Grashalm rupfte und wie eine Ziege meckerte. Er packte das sonderbare Wesen und schüttelte es, wie um das Wahngebilde zu zerstören, aber das trughafte blieb ein Tigerjunges, das wie eine Ziege schrie.

Da schleppte er das zappelnde Ding an einen Teich, stellte es neben sich an den Rand, und ließ es in den Spiegel blicken. "Schau dein Bild im Wasser an - bist du nicht ganz wie ich selber? Was bildest du dir ein, eine Ziege zu sein, meckerst und frisst Gras?"

Aber der junge Tiger vermochte dem alten nicht in seiner Sprache zu antworten, er starrte nur immer auf das doppelte Spiegelbild im dunklen Wasser und meckerte zaghaft.

Da schleppte ihn der Alte zu seiner Beute und bot ihm ein blutiges Stück davon. "Nimm das und iss". Aber der Junge verweigerte es und meckerte ängstlich. Da zwang der Alte es ihm zwischen die Zähne und wachte, dass er es kaute und verschlang. Mit kläglichem Meckern würgte er die ersten Bissen der ungewohnten Kost hinab, bald aber fand er Geschmack am Blut und fraß den Rest mit einer Lust, die seinen Leib wie ein Wunder durchdrang. Er leckte sich die Lefzen, erhob sich und gähnte mächtig, wie einer der aus tiefen Schlaf erwacht; er streckte sich, sein Schweif peitschte den Boden, und aus seiner Kehle brach das Brüllen des Tigers. "Weißt du jetzt, dass du bist wie ich?" sagte sein Lehrer zu ihm, "komm mit mir in den Dschungel, du sollst lernen, der Tiger zu werden, der du schon immer warst."

 


 

Der angekettete Elefant

 

Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.

 

Was hält den Elefanten zurück? Warum macht er sich nicht auf und davon?

 

Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei. Meine nächste Frage lag auf der Hand: "Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden?" Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten. Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden: Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist. Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, das er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt. Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten.....

Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt. Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann. Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt. Und das Schlimme dabei, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.

.....was will uns diese Geschichte sagen? Wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet. Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht zu können, bloß weil wir sie ein einziges Mal, vor sehr langer Zeit, damals, als wir noch klein waren, ausprobiert haben und gescheitert sind. Wir haben uns genauso verhalten wie der Elefant, und auch in unser Gedächtnis hat sich die Botschaft eingebrannt: Ich kann das nicht, und ich werde es niemals können. Mit dieser Botschaft, das wir machtlos sind, sind wir groß geworden, und seitdem haben wir niemals mehr versucht, uns von unserem Pflock loszureißen.

Manchmal, wenn wir die Fußfesseln wieder spüren und mit den Ketten klirren, gerät uns der Pflock in den Blick, und wir denken: "Ich kann nicht, und werde es niemals können."

(Aus dem Buch: "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte" von Jorge Bucay)

 


 

Der Baum, der es anders machen wollte.

 

Entgegen aller Erwartungen wuchs der Baum verkehrt.

Nicht etwa schief oder ungleichmäßig, vielmehr krallte er seine Baumkrone mit aller Gewalt in die Erde. Und die Wurzeln streckte er mit einer derartigen Unverfrorenheit dem Himmel entgegen, dass dieser sich seiner annehmen musste! Bereits als kleiner Setzling hatte sich der Baum das ausgedacht, warum weiß er nicht genau, doch die Bestimmtheit und Zielstrebigkeit seines Vorhabens hätten nichts anderes zugelassen. Jetzt, gut 15 Jahre später,  stand er nicht nur da, er triumphierte. Menschen aus aller Welt bewunderten und verehrten ihn tief.

Dass ein Baum so überleben konnte war zugegeben ungewöhnlich. Es braucht schon einiges bis sich eine Baumkrone rein psychisch damit abfinden kann unter der Erde zu existieren. Niemand sollte ihre Farbenpracht je zu Gesicht bekommen, niemand den vollkommenden Wuchs ihrer Äste und Blätter. Der Wechsel der Jahreszeiten - für diesen Baum unnötig. Und erst die Wurzeln. Diese seltsamen, einfach nur praktischen und entsprechenden hässlichen Holzfortsätze mussten sich zeigen. So viel Hässlichkeit relativierte viel Schönes das die Natur ringsum zu bieten hatte. Eins zu null für diesen Baum. Ein Monster, das das Schöne einfach schluckt.

Er hatte sich mit seinem Verkehrt-Sein viel vorgenommen, unser Baum. Und der Himmel ist Zeuge, er stellte damit den ganzen großen Plan auf den Kopf. Überwältigend war die Ansage, die er an das Wasser machte: "Küss mir die Füße von oben und benetze mein Haupt aus der Tiefe"! Und so war es: Grundwasser verwandelte sich in Regen, die Wolken stillten den Wurzeldurst ohne Unterlass. So gedieh der Setzling zum Bäumchen zum Baum zum Monument.

Es stimmt nicht ganz, dass der Setzling damals nicht wusste, warum er es so machen wollte. Natürlich hatte er eine Absicht. Das gleichschaltende System war ihm zuwider. Alle Bäume gleich, in Reih und Glied, mehr oder weniger gerade, braun unter - grün - bestenfalls bunt - oben. Ein Jahresring nach dem anderen und keiner lobt. Dann lieber ganz verkehrt.

 


 

Der Baum der nicht wachsen darf wie er möchte.

 

Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte: "Komm Frau, wir wollen einen Baum pflanzen." Die Frau antwortete:" Wenn du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen".

Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum. Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste Grün zart aus der Erde spießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättern und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er gegrüßte sie auf seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön auf der Welt zu sein und zu wachsen.

"Schau," sagte der Gärtner zu seiner Frau," ist er nicht niedlich, unser Baum? Und seine Frau antwortete: Ja, lieber Mann, wie du schon sagst, ein schöner Baum!

Der Baum begann größer und höher zu wachsen, und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoss die warme und feste Erde um seine Wurzeln, und war glücklich. Und jedes mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten, und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand der ihn mochte, hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt. So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere lieb haben.

Eines Tages merkte der Baum, das es besonders schön war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig nach links.

"Schau, sagte der Gärtner zu seiner Frau", unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen Bäume denn schief wachsen und dazu noch in unserem Garten? Ausgerechnet unser Baum? Gott hat die Bäume nicht erschaffen, damit sie schief wachsen, nicht wahr Frau? Seine Frau gab ihm natürlich Recht. "Du bist eine kluge und gottesfürchtige Frau", meinte daraufhin der Gärtner. Hol also unsere Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden.

Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen, und deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten ja, dass sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten. Und sie sagten, dass ein richtiger Baum gerade wachsen müsse.

"Ist er nicht brav, unser Baum?" fragte der Gärtner seine Frau. Sicher lieber Mann, antwortete sie, "Du hast wie immer Recht. Unser Baum ist ein braver Baum":

Der Baum begann zu verstehen, wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, war er anscheinend ein böser Baum Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu wachsen.

"Sieh dir das an," sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau", unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum? Seine Frau antwortete: "Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, das Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, das Bäume beschneiden sein müssten, ihrer wachse auch schön langsam. Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, das sie etwas von Bäume verstehe. Und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.

Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen? Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war was Spaß machte?

"Schau her, Frau, sagte der Gärtner", wir können stolz sein auf unseren Baum. Und seine Frau gab ihm wie immer Recht.

Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn er nicht in die Höhe wachsen durfte, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen. Freude haben und Freude bereiten. In seinem Inneren spürte er genau das es richtig war zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.

"Das ist doch nicht zu fassen", Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: "Stell dir vor, unser Baum wächst jetzt einfach in die Breite". Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja geradezu Spaß zu machen. So etwas können wir nicht dulden. Und seine Frau pflichtete ihm bei. "Das können wir nicht zulassen. Dann müssen wir ihn eben wieder zurecht stutzen".

Der Baum konnte nicht mehr weinen. Er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf zu wachsen. Ihm machte das Leben keine Freude mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.

Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden. Der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden.

Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. "Papa, findest du nicht auch, das der Baum hier ein bisschen traurig aussieht? fragt es "Ich weiß es nicht," sagte der Vater. "Als ich so klein war wie du, konnte ich auch sehen ob ein Baum fröhlich oder traurig ist, aber ich sehe das heute nicht mehr." Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus. Das kleine Mädchen sah den Baum mitfühlend an. "Den hat bestimmt niemand richtig lieb". Schau mal, wie ordentlich er gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig. "Vielleicht, antwortete der Vater versonnen". "Aber wer kann schon wachsen wie er will"? "Warum denn nicht?" fragte das Mädchen." Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn doch auch wachsen lassen, wie er selber will. Oder nicht? Er tut doch niemanden etwas zuleide."

Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: "Weißt du, keiner darf so wachsen wie er will, weil sonst die anderen merken würden, dass auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten." "Das verstehe ich nicht Papa". "Sicher Kind, das kannst du nicht nicht verstehen". Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen wie du wolltest. Auch du durftest nicht.  "Aber warum denn nicht Papa? Du hast mich doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr? Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. "Ja, sagte er dann, sicher haben wir dich lieb". Sie gingen langsam weiter und das kleine Mädchen dachte noch lange über das Gespräch und den traurigen Baum nach.

Der Baum hatte beiden zugehört und begann hemmungslos zu weinen.

 

(ein Märchen - Verfasser mir nicht bekannt)

 

 


Ich suche mich

Die Menschen die wie Ich sind, sind leicht zu erkennen:

Sie gehen aufrecht, haben ein Funkeln in den Augen  und ein Schmunzeln auf den Lippen.

Sie sind weder heilig noch erleuchtet.

Sie sind durch ihre eigene Hölle gegangen, haben Ihre Schatten und Dämonen angeschaut und angenommen.

Sie sind keine Kinder mehr, wissen wohl was Täter / Opfer sein bedeutet, haben Ihre Scham und Ihre Rage explodieren lassen und dann die Vergangenheit abgelegt, die Nabelschnur durchtrennt und die Verantwortung übernommen.

Weil sie nichts mehr verbergen wollen, sind sie klar und offen.

Weil sie nicht mehr verdrängen müssen, sind sie voller Energie, Neugierde und Begeisterung. Das Feuer brennt in ihrem Bauch!

Die Menschen die wie Ich sind, kennen den wilden Mann und die wilde Frau in sich und haben keine Angst davor.

Sie halten nichts für gegeben und selbstverständlich, prüfen nach, machen ihre eigenen Erfahrungen und folgen ihrer eigenen Intuition.

Frauen und Männer, die wie Ich sind, begegnen sich auf der gleichen Ebene, achten und schätzen ihr anders sein, konfrontieren sich ohne Bosheit und Lieben ohne Rückhalt.

Menschen die wie Ich sind, gegen viel nach Innen, um sich zu sammeln, Kontakt mit den ureigenen Wurzeln aufzunehmen, sich wieder zu finden, falls sie sich im Rausch des Lebens verloren haben.

Und dann kehren sie gerne zu den anderen zurück, denn sie mögen teilen und mitteilen, geben und nehmen, schenken und beschenkt werden.

Sie leben Wärme, Geborgenheit und Intimität.

Allein fühlen sie sich zwar nicht verloren wie kleine Kinder...können gut damit umgehen. Sie leiden aber manchmal unter Isolation und sehen sich nach ihren Seelenschwestern- und Brüdern.

Die Zeit unserer Begegnung ist gekommen. ( von Unbekannt)